Geschäftsstelle Bundesverband Öffentliche Dienstleistungen - Deutsche Sektion des CEEP e.V.

Invalidenstraße 91
10115 Berlin

Fon +49 (0)30 / 943 95 13 - 0
Fax +49 (0)30 / 943 95 13 - 29

info@bvoed.de

17.09.2012

29. Internationaler CIRIEC-Kongress in Wien – Öffentliche Wirtschaft im Fokus wissenschaftlicher und praktischer Debatten

Wien, 17.09.2012. Rund 500 Gäste aus 46 Ländern, diese Besucherbilanz konnte der diesjährige Internationale CIRIEC-Kongress in Wien vorweisen. Unternehmen und Verbände der öffentlichen Wirtschaft hatten in Wien somit die Gelegenheit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Arbeitnehmerorganisationen sowie mit Persönlichkeiten aus Politik und öffentlicher Verwaltung über die „Öffentliche Wirtschaft und Gemeinwirtschaft im Dienst der  Allgemeinheit“ aus internationaler Perspektive zu diskutieren und sich über die Rolle der Dienstleistungen von allgemeinem Interesse (DAI) auszutauschen.

CIRIEC, das Internationale Forschungs- und Informationszentrum für öffentliche Wirtschaft und Gemeinwirtschaft mit Sitz in Lüttich/Belgien, richtet alle zwei Jahre den international anerkanntesten Kongress der öffentlichen Wirtschaft aus. Der Bundesverband Öffentliche Dienstleistungen ist die deutsche Sektion des CIRIEC und war Gastgeber des Kongresses 2010.

Vom 12. bis 14. September 2012 fand der CIRIEC-Kongress mittlerweile zum 29. Mal statt, nach 2010 in Berlin, diesmal in der österreichischen Bundeshauptstadt.

Im Mittelpunkt des Kongresses standen dieses Jahr die künftigen Chancen und Risiken öffentlicher und sozialwirtschaftlicher Unternehmen. Die Beiträge der Kongressteilnehmerinnen und Teilnehmer hatten die verschiedenen Ausprägungen einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Wirtschaft, veränderte politische Rahmenbedingungen, neue ethische Perspektiven, die Mobilisierung der Zivilgesellschaft und innovative Formen des Managements zum Thema.

Neben zwei Plenarsitzungen und zwei Workshops, die eine thematische Einordnung und Einführung in die Diskussion boten, beleuchteten Arbeitsgruppen  zu den Sektoren Energie, Wasser, Verkehr, Gesundheit und Wohnen die Zukunft der DAI. Die Besonderheit: Die Arbeitsgruppen tagten bei den entsprechenden Sparten der unterschiedlichen kommunalen Wiener Unternehmen, wie den Wiener Stadtwerken, den Wiener Linien, dem Wiener Krankenanstaltenverbund, bei der Sozialbau AG und in der „Alten Schieberkammer“.

In der Eröffnungssitzung am Donnerstagmorgen stand die Bewältigung der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise im Mittelpunkt der Eröffnungsreden und Debatten. Grundtenor der Beiträge war, dass die öffentliche Wirtschaft trotz der Wirtschaftskrise in die öffentliche Infrastruktur investiere, durch Aufträge  die Gesamtwirtschaft stabilisiere und die Arbeitsmärkte langfristig durch stabile Arbeitsplätze fördere.

So unterstrich Renate Brauner, Präsidentin des Verbandes der öffentlichen Wirtschaft und Gemeinwirtschaft Österreichs (VÖWG) und Vize-Bürgermeisterin der Stadt Wien: „Mitten in einer der weltweit größten Wirtschaftskrisen aller Zeiten, wo in vielen Ländern auch bei den jungen Menschen in Europa Rekordarbeitslosigkeit herrscht, sind unsere kommunalen Unternehmen ein Schlüsselfaktor für notwendige Investitionen, die die Wirtschaft ankurbeln und für Beschäftigung sorgen". Ohne eine gestärkte Rolle der Gemeinwirtschaft gebe es ihrer festen Überzeugung nach keine Lösung der globalen Krise.

Der Staatssekretär im Nationalen Sekretariat für Solidarische Ökonomie im  brasilianischen  Arbeitsministerium und gebürtige Wiener, Paul Singer, verwies darauf, dass in Krisenzeiten die Frage nach dem Versagen des Systems im Mittelpunkt stehe. Es sei daher die Aufgabe des Kongresses die Weltwirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf das Gemeinwohl zu diskutieren. "Nur durch die Regulierung der Märkte und ein Mehr an Solidarität kann der Wohlstand gesichert und ausgebaut werden", führte der Professor für Soziologie und Makroökonomie aus.

In einer zweiten Plenardebatte am Eröffnungstag kamen Vertreter der Sozialwirtschaft, der Genossenschaften und der öffentlichen Unternehmen zu Wort, um den Beitrag ihrer Institutionen zur gegenwärtigen Krise darzustellen.

"Ich habe von Francois Hollande den Auftrag erhalten, aus der Solidarwirtschaft und der sozialen Wirtschaft einen Pfeiler der französischen Wirtschaft zu machen. Denn diese Unternehmen haben die Krise besser überstanden als die klassische Wirtschaft“, teilte Benoît Hamon, französischer beigeordneter Minister für Soziale und solidarische Wirtschaft, in seiner Rede den Anwesenden mit. „Diese Politik soll die ökonomische Biodiversität in Frankreich unterstützen. Ich hoffe, dass dieser Weg auch auf europäischer Ebene eingeschlagen wird", sagte Hamon. Er führte aus, dass die soziale Wirtschaft derzeit zehn Prozent der gesamten Wirtschaft in Frankreich darstelle und 2,3 Millionen Arbeitsplätze sichere. Hamon war von 2004 bis 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments und wurde im Mai dieses Jahres als beigeordneter Minister dem Minister für Wirtschaft, Finanzen und Außenhandel im Kabinett Hollande unterstellt.

Dame Pauline Green, Präsidentin des Internationalen Genossenschaftsbundes IGB, betonte in ihrer Rede: "Während unsere wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger dieser Welt nach Beschäftigungsmaßnahmen suchen, um möglichst vielen  Arbeitslosen ihre verlorene Hoffnung wiederzugeben, muss darauf hingewiesen werden, dass eine Unterstützung des genossenschaftlichen Geschäftsmodels das Potential hätte, sehr viel mehr zu bewirken". Green war bis 1999 als sozialdemokratische Europaabgeordnete im Europäischen Parlament tätig. 2009 wurde sie als erste Frau zur Präsidentin des IGB gewählt.

Die seit Mai 2012 amtierende Generalsekretärin des Europäischen Verbandes der öffentlichen Arbeitgeber und Unternehmen (CEEP), Valeria Ronzitti, erklärt in ihrem Beitrag: "CEEP legt auf Verantwortung, Nachhaltigkeit und im Besonderen auf das Allgemeininteresse Wert. Öffentliche Dienstleister müssen gerade in der Krise als essentielle Partner respektiert werden."

In den Plenarsitzungen des zweiten Kongresstages standen die „sozialvernetzte Zivilgesellschaft“ und die Präsentation der CIRIEC-Forschungsergebnisse für die Gemeinwirtschaft im Mittelpunkt der Debatten. So setzt sich aktuell die eine der beiden Internationalen Wissenschaftlichen CIRIEC-Kommissionen, die  Kommission „Öffentliche Dienstleistungen / Öffentliche Unternehmen“, mit der „Zukunft der öffentlichen Unternehmen“ auseinander. Die Kommission „Sozialwirtschaft und Genossenschaftswesen“ untersucht die „Sozialwirtschaft in der Europäischen Union“ und hat als zweites Thema „Statistische Erfassungen und Sozialwirtschaft“.

Im Rahmen des CIRIEC-Kongresses wurden zudem zwei internationale Preise verliehen:

In einer feierlichen Zeremonie zeichnete die Energy Globe  Foundation, UNIDO, UNEP und UNESCO am Nachmittag des ersten Kongresstages innovative Projekte zum Thema Nachhaltigkeit mit den jährlichen Energy Globe Awards aus.

Zudem wurde von CIRIEC nach der Ansprache des am Vortag neugewählten CIRIEC-Präsidenten Léopold Beaulieu, dem Präsidenten und CEO von FondAction, einem Kooperations- und Entwicklungsfond für Beschäftigung des Verbandes der Nationalen Gewerkschaften Kanadas (CNTU), zum zweiten Mal der Edgard Milhaud-Preis vergeben.

Als Nachwuchspreis konzipiert, ist  er  mit  10.000  Euro  dotiert  und  wird  alle  zwei  Jahre  im  Rahmen  des  CIRIEC-Kongresses an eine junge Wissenschaftlerin oder einen jungen Wissenschaftler verliehen. Er dient als Auszeichnung für deren Forschungen in Wirtschaftsbereichen und Tätigkeiten, die auf das allgemeine und kollektive Interesse ausgerichtet sind. Dieses Jahr empfing Anais Périlleux den Preis aus den Händen der Ehrenpräsidentin von CIRIEC, Leona Detiège. Geboren 1982 in Belgien studierte Périlleux Wirtschaft und Management an der Universität von Mons. Die Preisträgerin sammelte 2004 erste genossenschaftliche Erfahrungen in Westafrika sowie im Senegal und Indien. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) an der Universität Yale (USA). Sie setzte sich in ihrer Arbeit mit Mikrofinanzdienstleistungen bei Genossenschaften auseinander. Eine besondere Erwähnung fand zudem die Arbeit von Céline Marival, die zurzeit unter anderem bei CIRIEC-Frankreich tätig ist.

Neben fundierten wissenschaftlichen und praxisorientierten Debatten ermöglichte der dreitägige Kongress den Vertretern der öffentlichen Wirtschaft einen intensiven Austausch und bot eine hervorragende Plattform, um sich international zu vernetzen. Die beeindruckende Architektur des Wiener Rathauses im Stil der Neugotik von 1872 und die internationale Atmosphäre der österreichischen Hauptstadt sorgten neben einer rundum gelungenen Gastgeberschaft durch den VÖWG für einen stilvollen und zugleich abwechslungsreichen Rahmen für den 29. CIRIEC-Kongress.


Präsentationen der Vortragenden: http://www.voewg.at/europa/ciriec-2012/

Fotos der Veranstaltung: http://www.flickr.com/photos/ciriec2012/sets/


CIRIEC steht für "Centre International de Recherches et d'Information sur l'Economie Publique, Sociale et Coopérative" zu Deutsch "Internationales Forschungs- und Informationszentrum für öffentliche Wirtschaft und Gemeinwirtschaft" (IFIG).

IFIG/CIRIEC ist ein internationaler nichtstaatlicher Zusammenschluss von Unternehmen, Verbänden und Organisationen der öffentlichen Wirtschaft, der Sozialwirtschaft und des Genossenschaftswesens sowie von Einzelpersonen, die in diesen Sektoren tätig oder mit ihnen befasst sind.

CIRIEC verfolgt wissenschaftliche Zielsetzungen im internationalen Rahmen und dient dem internationalen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis in den genannten Wirtschaftssektoren. IFIG/CIRIEC hat nationale Sektionen in 15 Ländern.

Die deutsche Sektion von CIRIEC ist der Bundesverband Öffentliche Dienstleistungen.


Quellen: u.a. VÖWG-Pressemitteilungen unter http://www.voewg.at/europa/ciriec-2012